Ein Arzt, der die Arbeiter besuchte
Bernardino Ramazzini wurde 1633 in Carpi im Herzogtum Modena geboren. Er studierte Medizin an der Universität Parma, wurde Hofarzt des Herzogs von Modena und übernahm 1682 den Lehrstuhl für Medizintheorie an der Universität Modena. Im Jahr 1700 wechselte er an die Universität Padua, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1714 lehrte.
Seine Methode war für einen Medizinprofessor damals sehr ungewöhnlich: Er begab sich an die Arbeitsstätten, beobachtete die Handgriffe der Arbeiter und sprach mit ihnen über ihre Beschwerden. Daraus entstand sein Werk „De morbis artificum diatriba“ („Über die Krankheiten der Arbeiter“), das 1700 veröffentlicht und 1713 ergänzt wurde. Darin beschreibt er die Risiken von mehr als fünfzig Berufen.
Dieses Buch hat ihm den Titel „Vater der Arbeitsmedizin“ eingebracht, der ihm bis heute zusteht.
Erst 1950 verabschiedeten die Internationale Arbeitsorganisation und die Weltgesundheitsorganisation gemeinsam eine erste internationale Definition der Gesundheit am Arbeitsplatz.
Eine Frage, die zu den Fragen des Hippokrates hinzugefügt wurde
Seit der Antike lassen sich Ärzte von den Fragen leiten, die Hippokrates empfahl, dem Patienten zu stellen: Worunter leidet er, seit wann, was hat er gegessen? Im Vorwort zu seinem Werk schlägt Ramazzini vor, eine weitere Frage hinzuzufügen: Welchen Beruf übt er aus?
Diese Frage erscheint heute selbstverständlich. Zu jener Zeit war sie revolutionär. Sie bedeutet, dass sich die Krankheit nicht nur durch den Körper des Patienten erklären lässt, sondern auch durch das, was er jeden Tag tut und wo er es tut. Ramazzini befragte seine Patienten systematisch zu ihrer Arbeit und empfahl allen Ärzten, es ihm gleichzutun.
In einer Rede aus dem Jahr 1711 fasste er seine Philosophie in einem Satz zusammen, der das Motto für Gesundheit am Arbeitsplatz sein könnte: Vorbeugen ist weitaus besser als heilen.
Beobachtungen von erstaunlicher Modernität
Jedes Kapitel folgt dem gleichen Aufbau: eine Zusammenfassung des bisherigen Wissensstands, eine Beschreibung des Arbeitsplatzes, Fragen an die Arbeitnehmer, die Beschreibung der Krankheit sowie Ratschläge und Heilmittel. Es handelt sich dabei – seiner Zeit weit voraus – um eine Methode zur Analyse der tatsächlichen Arbeitsbedingungen.
Doch seine modernste Erkenntnis geht über giftige Substanzen hinaus. Ramazzini versteht, dass nicht alle Berufskrankheiten auf chemische oder physikalische Umwelteinflüsse zurückzuführen sind. Manche entstehen durch lang andauernde Körperhaltungen, durch sich wiederholende, heftige oder unregelmäßige Bewegungen oder durch das Tragen von Lasten. Damit beschreibt er – drei Jahrhunderte vor seiner Zeit – das, was wir heute als Muskel-Skelett-Erkrankungen bezeichnen.
Er denkt auch an konkrete Präventionsmaßnahmen. In den Bergwerken erwähnt er eine einfache Vorsichtsmaßnahme: die Flamme einer Kerze zu beobachten. Wenn sie flackert, muss gelüftet werden. Und er empfiehlt, kostspielige Behandlungen zu vermeiden, die sich die Arbeiter nicht leisten können.
Warum diese Frage auch heute noch von entscheidender Bedeutung ist
Die Bergwerke und Kalkbrennereien sind Büros, Bildschirmen und Telearbeit gewichen. Doch Ramazzinis Frage hat nichts von ihrer Bedeutung verloren.
Sie bleibt ein medizinischer Reflex. Schmerzen im Handgelenk, anhaltender Husten, unerklärliche Müdigkeit, Angstzustände: Ohne die Arbeit der betroffenen Person zu kennen, kann man die Ursache übersehen.
Sie hat sich erweitert. „Was machen Sie beruflich?“ reicht nicht mehr aus. Heute fragt man auch: Wie ist die Arbeit organisiert? Mit welchem Arbeitsaufwand, welcher Eigenverantwortung, welcher Unterstützung? Psychosoziale Risiken führen ganz natürlich Ramazzinis Intuition weiter, dass es Ursachen gibt, die weder chemischer noch physikalischer Natur sind.
Sie beinhaltet eine Ethik. Vor Ort nachsehen, wo die Arbeit geleistet wird, denjenigen zuhören, die sie verrichten, und zugängliche Lösungen vorschlagen: Das war bereits Ramazzinis Ansatz im Jahr 1700. Und das ist nach wie vor der Ansatz einer Arbeitsmedizin, die diesen Namen verdient.
Mehr als drei Jahrhunderte später lässt sich die Lehre in einem Satz zusammenfassen: Um die Gesundheit eines Menschen zu verstehen, muss man sich für seine Arbeit interessieren.
Quellen und Literaturangaben
• Bernardino Ramazzini: der Vater der Arbeitsmedizin. Artikelveröffentlicht auf PubMed Central.
• Frezza G. (2016). Prävention und Vorbeugung. Arbeit, Umwelt und Medizin in Bernardino Ramazzinis „De morbis artificum diatriba“. Medicina nei Secoli.
• Ramazzini B. (1700, 1713). „De morbis artificum diatriba“. Englische Übersetzung: W. C. Wright, „Diseases of Workers“, Zitate übernommen von „Asthma History“.
• Bernardino Ramazzini, Wikipedia (biografische Daten).