Gesundheit am Arbeitsplatz in der Schweiz: Vom reaktiven Management zur strategischen Prävention

Strategie und Steuerung

Chronischer Stress, Muskel-Skelett-Erkrankungen, wiederholte Fehlzeiten, digitale Transformation … Schweizer Unternehmen stehen vor vielfältigen und miteinander verflochtenen Herausforderungen im Bereich der Gesundheit am Arbeitsplatz. Für die Unternehmensleitung und die Personalabteilungen besteht das Ziel nicht mehr nur darin, zu reagieren, wenn ein Problem auftritt, sondern Risiken vorausschauend zu erkennen und das Thema Gesundheit in organisatorische Entscheidungen einzubeziehen. Und wird das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz in Ihrem Unternehmen tatsächlich in strategische Entscheidungen einbezogen?

Warum ist die Gesundheit am Arbeitsplatz ein strategisches Thema?

Ein verschlechterter Gesundheitszustand kann zu Fehlzeiten, einer Desorganisation der Teams oder einem vorübergehenden Verlust von Kompetenzen führen.

Umgekehrt können angepasste Arbeitsbedingungen die Kontinuität der Tätigkeiten, die Qualität der Arbeit und die Anpassungsfähigkeit der Mitarbeiter fördern.

Gesundheit am Arbeitsplatz betrifft somit die Risikoprävention, den Erhalt der beruflichen Leistungsfähigkeit und die Qualität der Organisation.

Sie wird zu einem strategischen Faktor, wenn sie Entscheidungen beeinflusst und nicht nur auf erklärte Verpflichtungen beschränkt bleibt.

Welche Herausforderungen muss die Personalabteilung antizipieren?

Psychosoziale Risiken
Überlastung, mangelnde Eigenverantwortung, widersprüchliche Ziele oder zwischenmenschliche Spannungen können die psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Zur Prävention gehört es, die beruflichen Anforderungen, die verfügbaren Ressourcen und die Unterstützungsmöglichkeiten zu prüfen.

Körperliche Belastungen und Bewegungsmangel
Bildschirmarbeit, Lastentragen, sich wiederholende Bewegungen und lang andauernde Körperhaltungen können zu Muskel-Skelett-Erkrankungen beitragen.
Ein ergonomischer Ansatz zielt darauf ab, Belastungen an der Quelle zu reduzieren, anstatt lediglich die individuellen Körperhaltungen zu korrigieren.

Der digitale Wandel
Telearbeit, ständige Vernetzung und neue Technologien verändern die Arbeitsorganisation. Die Einführung künstlicher Intelligenz kann zudem die erwarteten Kompetenzen und den Spielraum für Eigenverantwortung verändern.

Durch das Vorwegnehmen dieser Entwicklungen lassen sich Risiken erkennen, bevor sie dauerhaft werden.

Das Älterwerden im Berufsleben
Die Entwicklung der beruflichen Laufbahnen veranlasst Unternehmen dazu, bestimmte Stellen anzupassen, Kompetenzen weiterzuentwickeln und den Verbleib im Erwerbsleben zu fördern.

Warum reichen punktuelle Maßnahmen zur Förderung des Wohlbefindens nicht aus?

Vorträge zum Thema Stress, Entspannungsworkshops oder sportliche Aktivitäten können zum Wohlbefinden der Mitarbeiter beitragen.
Doch diese Initiativen beseitigen nicht unbedingt die Ursachen der Probleme.

Beispiel: Einem chronisch überlasteten Team eine Schulung zum Stressmanagement anzubieten, ersetzt nicht die Notwendigkeit, Ziele, Fristen und Ressourcen zu überdenken.

Prävention muss in erster Linie auf die Arbeitsbedingungen abzielen und darf sich nicht ausschließlich auf die individuelle Fähigkeit zur Bewältigung von Belastungen beschränken.

Welche Rolle spielen die Unternehmensleitung, die Personalabteilung und die Führungskräfte?

Eine wirksame Strategie basiert auf sich ergänzenden Zuständigkeiten:

– Die Geschäftsleitung legt Prioritäten fest, weist Ressourcen zu und bezieht das Thema Gesundheit in Entscheidungen ein.
– Die Personalabteilung koordiniert die Maßnahmen, begleitet den Wandel und überwacht die Kennzahlen.
- Die Führungskräfte regulieren die Arbeitsbelastung, klären Erwartungen und identifizieren Schwierigkeiten.
- Die Mitarbeiter beteiligen sich an der Erkennung von Risiken und möglichen Verbesserungen. Die gesetzliche Verantwortung für den Gesundheitsschutz liegt weiterhin beim Arbeitgeber.

Wie lässt sich eine Strategie für die Gesundheit am Arbeitsplatz entwickeln?

Ein strukturierter Ansatz basiert auf fünf Schritten.

1. Die vorrangigen Risiken identifizieren
Die im Unternehmen vorhandenen physischen, psychosozialen und organisatorischen Belastungen analysieren.

2. Daten und die tatsächliche Arbeitssituation miteinander abgleichen
Die Statistiken zu Fehlzeiten, Unfällen und internen Erhebungen durch Beobachtungen und den Austausch mit den Teams ergänzen. Ein Indikator ist ein Signal, keine Diagnose.

3. Konkrete Ziele festlegen
Präzise Maßnahmen, Verantwortliche und einen Zeitplan definieren.
Beispiel: Reduzierung von körperlich belastenden Arbeitsabläufen in einer Abteilung, anstatt lediglich eine allgemeine Verbesserung des Wohlbefindens anzustreben.

4. Auf die Organisation einwirken
Arbeitsplätze anpassen, Zuständigkeiten klären, Arbeitsbelastungen ausgleichen und Managementpraktiken stärken.

5. Bewerten und anpassen
Überprüfen, ob die Maßnahmen die identifizierten Belastungen tatsächlich reduzieren, und sie entsprechend den Ergebnissen anpassen.

Welche Kennzahlen sollten beobachtet werden?

Fehlzeiten, Unfälle, Personalfluktuation und interne Untersuchungen können dabei helfen, Entwicklungen zu erkennen.

Auch das Phänomen des „Presenteeismus“ – wenn Menschen trotz eines beeinträchtigten Gesundheitszustands arbeiten – verdient besondere Beachtung.

Eine niedrige Fehlzeitenquote ist jedoch kein Garant für gute Arbeitsbedingungen. Die Daten müssen im Kontext und unter Wahrung der Vertraulichkeit interpretiert werden.

Was sieht der schweizerische Rechtsrahmen vor?

In der Schweiz fällt der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in den Verantwortungsbereich des Arbeitgebers.
Zu den wichtigsten Rechtsgrundlagen gehören:

– Artikel 6 ArG: Allgemeiner Gesundheitsschutz.
- Artikel 2 ArGV 3: Schutz der körperlichen und psychischen Gesundheit.Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG): Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.
- ASA-Richtlinie: Hinzuziehung von Fachleuten für Arbeitssicherheit gemäß den geltenden Bestimmungen.

Diese Bestimmungen erfordern die Ermittlung von Risiken und die Anpassung der Präventionsmaßnahmen an die jeweiligen Gegebenheiten.

Vorbeugen statt reparieren

Eine Politik im Bereich der Gesundheit am Arbeitsplatz darf sich nicht ausschließlich auf das Notfallmanagement und die Abwesenheitsbetreuung stützen.

Sie erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der Prävention, Ergonomie, Arbeitspsychologie und Organisationsanalyse miteinander verbindet.

Die Gesundheit am Arbeitsplatz zu einer strategischen Priorität zu machen bedeutet, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die die Mitarbeiter nachhaltig schützen und gleichzeitig die Qualität der Arbeit fördern.

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