Worum geht es hier?
Psychosoziale Risiken sind Gesundheitsrisiken, die sich aus der Art und Weise ergeben, wie Arbeit organisiert, erlebt und verteilt wird. Die 2011 vom Expertengremium unter dem Vorsitz von Michel Gollac vorgeschlagene Referenzdefinition beschreibt sie als Risiken für die psychische, physische und soziale Gesundheit, die durch die Arbeitsbedingungen sowie durch organisatorische und zwischenmenschliche Faktoren verursacht werden, die mit den geistigen Funktionen in Wechselwirkung treten können.
Konkret handelt es sich beispielsweise um eine zu hohe Arbeitsbelastung, übermäßige Arbeitszeiten, einen Mangel an Eigenverantwortung oder Unterstützung, Spannungen im Team, mangelnde Anerkennung, einen Sinnverlust oder Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft. Dabei handelt es sich nicht um „individuelle Probleme“, sondern um Merkmale der Arbeit, auf die die Organisation Einfluss nehmen kann.
In der Schweiz befassen sich das SECO und die kantonalen Behörden im Rahmen des Schutzes der körperlichen und psychischen Gesundheit der Arbeitnehmer mit diesen Themen. Dazu gehören Stress, Burnout und Persönlichkeitsverletzungen wie Mobbing.
Eine maßgebliche Zusammenfassung
Im Dezember 2024 veröffentlichte das Nationale Institut für Forschung und Sicherheit (INRS) in Frankreich eine Aktualisierung der epidemiologischen Erkenntnisse zu den Auswirkungen psychosozialer Belastungen am Arbeitsplatz. Verfasst wurde sie von Stéphanie Boini und R. Colin aus der Abteilung für Arbeitsmedizin sowie von V. Langevin und M.-A. Gautier aus der Abteilung für medizinische Studien und Betreuung.
Die Autoren haben die in den letzten zwanzig Jahren veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeiten und Studien zusammengetragen und stützten sich dabei insbesondere auf eine Meta-Übersicht über 72 Übersichtsarbeiten mit Metaanalyse. Die Belastungen werden nach den sechs Gruppen psychosozialer Risikofaktoren klassifiziert, die vom Expertengremium unter dem Vorsitz von Michel Gollac definiert wurden:
1. Arbeitsintensität und Arbeitszeit
2. emotionale Anforderungen
3. mangelnde Autonomie
4. Verschlechterung der sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz
5. Wertekonflikte
6. Unsicherheit der Arbeitssituation.
Für jeden Zusammenhang geben die Autoren einen Grad an Sicherheit an, von „sehr hoch“ bis „nicht belegt“, je nach Anzahl und Qualität der Studien, die diesen bestätigen. Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, aber nicht nur das Das auffälligste Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Psychosoziale Faktoren wirken sich sowohl auf den Körper als auch auf den Geist aus. Die Zusammenfassung stellt Zusammenhänge mit vier großen Gruppen von Gesundheitsbeeinträchtigungen fest:
– Psychische Gesundheit: Depressionen, Angstzustände, Burnout, Schlafstörungen, Einnahme von Psychopharmaka
– Muskel-Skelett-Erkrankungen, insbesondere Rückenschmerzen
– Herz-Kreislauf-Erkrankungen, darunter ischämische Herzerkrankungen und Schlaganfälle
– Arbeitsunfälle.
Einige Beispiele, wie sie vom INRS zusammengefasst werden:
Andere Zusammenhänge sind bislang noch weniger erforscht oder zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht nachgewiesen, insbesondere im Zusammenhang mit bestimmten Risikoverhalten, dem metabolischen Syndrom oder ungünstigen Schwangerschaftsverläufen. Die Autoren weisen deutlich darauf hin: Genau darin liegt auch die Stärke ihrer Arbeit.
Faktoren, die zusammenwirken
Psychosoziale Faktoren wirken selten isoliert. Zwei in der Forschung häufig verwendete Modelle beschreiben die schädlichsten Kombinationen:
– der „Job Strain“ (Karasek-Modell): hohe psychische Anforderungen in Verbindung mit geringem Handlungsspielraum
– das Ungleichgewicht zwischen Aufwand und Belohnung (Siegrist-Modell): ein hoher Einsatz, der weder durch Gehalt noch durch Anerkennung noch durch Perspektiven honoriert wird.
In beiden Fällen stellt die Zusammenfassung ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Arbeitsunfälle fest.
Die Autoren fordern, noch einen Schritt weiter zu gehen: Die Dauer der Belastungen, ihre Entwicklung im Laufe der Zeit und Mehrfachbelastungen – also die Kumulierung von psychosozialen Faktoren und anderen beruflichen, physischen oder chemischen Risiken – sollten genauer untersucht werden. Genau das ist in der Praxis der Fall.
Was sich dadurch für Unternehmen in der Schweiz ändert
In der Schweiz ist der Arbeitgeber verpflichtet, die körperliche und psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter zu schützen (Art. 6 ArG, Art. 2 ArGV 3) sowie deren Persönlichkeit (Art. 328 OR). Psychosoziale Risiken sind daher ebenso Teil der Risikobewertung wie Lärm oder Chemikalien.
Die Zusammenfassung des INRS liefert drei sehr konkrete Erkenntnisse für die Geschäftsleitung und die Personalabteilung:
1. Eine Frage der allgemeinen Gesundheit. Eine Beschwerde über Rückenschmerzen, ein Unfall oder eine längere Arbeitsunfähigkeit können eine psychosoziale Komponente haben. Behandelt man jedes Problem separat, läuft man Gefahr, deren gemeinsame Ursache zu übersehen.
2. Die Organisation vor dem Einzelnen. Die Autoren betonen: Die empfundenen Belastungen hängen von der Arbeitsorganisation ab. Schulungen zum Stressmanagement sind zwar nützlich, ersetzen jedoch keine Maßnahmen in Bezug auf Arbeitsbelastung, Eigenverantwortung, Unterstützung und Anerkennung.
3. Soziale Unterstützung als Hebel. Ein ansprechbarer Vorgesetzter, ein solidarisches Team und echte Anerkennung der geleisteten Arbeit sind keine „Extras“: Ihr Fehlen ist ein nachgewiesener Risikofaktor.
Unsere Sichtweise
Am IHST bestätigen diese Ergebnisse, was wir im Kontakt mit den Teams beobachten: Hinter Schmerzen, Fehlzeiten oder Unfällen stehen oft mehrere arbeitsbezogene Faktoren, die zusammenwirken. Deshalb verbindet unser integrierter Ansatz alle Dimensionen der Arbeit (Gesundheit, Ergonomie, Organisation, Beziehungen, Sicherheit) und geht von der Realität jedes einzelnen Teams aus.
Die Forschung liefert uns die Anhaltspunkte; die Praxis zeigt uns, wo wir ansetzen müssen. Unsere Aufgabe ist es, beides miteinander zu verknüpfen und im Laufe der Zeit zu überprüfen, ob die ergriffenen Maßnahmen tatsächlich etwas bewirken.
Quellen
- Boini S., Colin R., Langevin V., Gautier M.-A. (2024). Auswirkungen psychosozialer Belastungen auf die Gesundheit der Beschäftigten. Aktueller Stand der epidemiologischen Erkenntnisse. Références en santé au travail, Nr. 180, TP 57, S. 97–111. INRS.
- INRS (2025). Psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz und Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten, Pressemitteilung.
- Boini S. (2025). Psychosoziale Risikofaktoren und Auswirkungen auf die Gesundheit: Aktueller Wissensstand, 10. Tagung des Instituts für Arbeitsmedizin Paris Ost, 20. November 2025.
- Gollac M. (Hrsg.) (2011). Messung psychosozialer Risikofaktoren am Arbeitsplatz zu deren Bewältigung, Bericht des Expertengremiums zur Überwachung psychosozialer Risiken am Arbeitsplatz. Definition übernommen vom französischen öffentlichen Dienst.
- Kanton Freiburg, Was sind psychosoziale Risiken?